addisca signet
addisca schriftzug

Corona-Krise: ein Wechselbad der Gefühle.

Ein Gespräch mit Ulrike GertzenUlrike Gertzen

Hallo und guten Tag! Ich begrüße Sie ganz herzlich zu unserem zweiten Podcast in der Corona-Zeit. Ich freue mich auf das Gespräch mit Frau Gertzen. Sie ist Psychotherapeutin und Trainerin bei addisca. Unser Thema heute: das Wechselbad der Gefühle in diesen Tagen. Ich bin gespannt auf Ihre Tipps, Frau Gertzen – herzlich willkommen!

Ulrike Gertzen: Guten Tag Frau Frieling!

Anke Frieling: Vielleicht geht es Ihnen genauso: Ich erwische mich dabei, dass ich ständig das Bedürfnis habe, die Nachrichten zu schauen und mich zu informieren. Ich ertappe mich, wie ich bei Google aktuelle Zahlen bezüglich der Infektionen in Deutschland und der Welt suche. Auf meinem Handy werde ich von Twitter über die neusten Ereignisse in der Bundesrepublik und der EU informiert. Die Seite des Robert Koch Institutes habe ich vorher in meinem Leben noch nie angeschaut, jetzt besonders, wenn ich verunsichert bin, schaue ich dort nach, ob es wichtige Neuigkeiten gibt. Manchmal bekomme ich es dann richtig mit der Angst zu tun, wenn ich lese, dass einige Virologen davon ausgehen, dass wir Millionen Erkrankte in Deutschland haben werden. Wie kann ich denn - angesichts dieser ganzen angsteinflößenden Nachrichten - gelassener mit der Krise umgehen?

Ulrike Gertzen: Das was Sie beschreiben, ist ein ganz natürliches menschliches Phänomen. Wenn wir in unserer Umgebung mit etwas Neuem konfrontiert werden, dann taucht häufig Unsicherheit auf, weil wir nicht einschätzen können, was das Neue für Konsequenzen hat, wie es sich auf uns und unser Leben auswirken wird. Wir wissen nicht worauf, wir uns einstellen müssen und verspüren Unsicherheit und Ängste. Im Falle von der Corona- Krise stehen uns zusätzlich unzählige Informationen zur Verfügung, die uns ganz klar vor Augen führen, dass dieser Virus für uns Menschen lebensbedrohlich sein kann. Natürlich macht uns das Angst und das ist auch erstmal gut für uns, denn es hilft uns unsere Aufmerksamkeit auf Gefahren zu richten und uns zu schützen. Angst soll uns wach rütteln und Verhaltensweisen aktivieren, die unser Überleben sichern.

Anke Frieling: Wenn ich Sie richtig verstehe, dann ist es erstmal ganz verständlich, dass ich aktuell angespannter bin, dass ich mich unwohl fühle, wenn ich Einkaufen oder zum Arzt gehen muss.

Ulrike Gertzen: Ja – das ist völlig normal! Und es ist jetzt gut zu wissen, dass es einige Dinge gibt, die wir trotz der Unsicherheit und unserer Ängste für uns tun können, um die Zeit bestmöglich zu überstehen. Je besser wir verstehen, wie Menschen in Krisenzeiten ticken, welche Verhaltensweisen hilfreich sind und welche unser Stresslevel sogar noch steigern können, desto besser können wir uns selbst dabei helfen, wenn wir uns ungünstig verhalten.

Für uns alle sind Situationen, in denen wir nicht alle Risiken kennen und abschätzen können, herausfordernd, denn sie machen Unsicherheit und Angst. Wir benötigen also unterschiedliche Kompetenzen, um angemessen und flexibel auf so dramatische Veränderungen, wie wir sie jetzt erleben, reagieren zu können.

Und es ist wichtig zu wissen, dass unsere Denkprozesse einen entscheidenden Einfluss auf die Intensität unserer Gefühle haben. Kurz gesagt besitzen wir ein automatisches Innenleben, d.h. Gedanken und Gefühle melden sich spontan und automatisch, ohne dass wir das unbedingt wollen. Auf ihr Erscheinen können wir aber unterschiedlich reagieren und so die Intensität unangenehmer Gefühle steigern oder eben nicht.

Anke Frieling: Von welchen Kompetenzen sprechen sie denn genau? Welche Fähigkeiten brauche ich?

Ulrike Gertzen: Lassen Sie mich zuerst genauer auf den Umgang mit den unterschiedlichen Gefühlen eingehen, die uns im Moment begegnen.

Generell muss man sagen, dass die meisten Menschen Unsicherheit scheuen, besonders Angst ist ein Gefühlzustand, den wir lieber verhindern wollen. Wenn dies nicht möglich ist, dann tun wir Dinge, um die Angst möglichst schnell zu reduzieren.

Ganz unabhängig von Corona können Sie für sich mal überlegen, was sie alles tun, um wieder ein Gefühl der Sicherheit herzustellen.

Zur Veranschaulichung ein kleines Beispiel, was der eine oder andere vielleicht kennt. Stellen wir uns folgendes vor: Wenn ich nicht weiterweiß, unsicher bin, was ich tun soll, dann rät mir mein Kopf: ruf doch mal deine beste Freundin an und hole dir einen Rat. Ich erhoffe mir, dass mir ihre Rückversicherung Bestätigung gibt und ich danach weniger unsicher bin. Also rufe ich sie an, wir tauschen uns aus und kurzfristig fühle ich mich dann vielleicht beruhigt. Das ist an sich erstmal ein ganz typisches menschliches Verhalten. Aber dann passiert folgendes, plötzlich meldet sich der Gedanke: „Was ist, wenn du das jetzt umsetzt und dann ist die Katastrophe noch viel größer?“ Die Beunruhigung steigt erneut. Viele Strategien, die wir im Umgang mit unseren Gefühlen entwickelt haben wirken oft nur kurzfristig. Hinzu kommt, dass die richtige Strategie kontraproduktiv sein kann, wenn wesentliche Voraussetzungen nicht gegeben sind. Das macht es so schwer, sinnvolle von nutzlosen Strategien zu unterscheiden.

Sie sehen schon: natürlich spielen unsere Gedanken eine riesige Rolle, wenn es um unsere Gefühle geht. Bezüglich des Gefühls von Angst können wir verschiedene Denkprozesse klar benennen, die die Angst verstärken: Sich-Sorgen machen, das Zweifeln, manche Menschen denken sehr bildlich und haben gleich einen Katastrophenfilm vor Augen, was alles Schlimmes passieren könnte.

Anke Frieling: Das heißt, wir müssen aktuell lernen mit Angst und Unsicherheit umzugehen. Hierzu ist es wichtig, wir einen guten Umgang mit unseren Gedanken zu entwickeln. Ich kenne natürlich auch Situationen, in denen ich eine Unruhe spüre, mir Gedanken mache, ob es der Familie gut geht, meist versuche ich mich dann über Fernsehen gucken abzulenken.

Ulrike Gertzen: Genau: Ablenkung ist eine von vielen Strategien, die wir nutzen, um uns besser zu fühlen. Mir ist wichtig, dass Sie im Moment verstehen, dass Menschen sehr gut motiviert sind, unangenehme emotionale Zustände schnell zu reduzieren. Wer Ihnen jetzt ein Buch anbietet „Gelassen durch die Krise“, der sei gewarnt: Die Wahrheit ist, dass Angst und Unsicherheit normale Gefühle sind, die in Zeiten von Lebensgefahr und Ungewissheit völlig natürlich sind. Wir müssen Sie mitnehmen, so wie man auf einer Wanderung seinen schweren Rucksack tragen muss, so muss man aktuell Unsicherheit und vielleicht auch Angst annehmen und auf den Weg durch die Corona-Krise mittragen- egal ob es einem gefällt oder nicht. Und mit großer Wahrscheinlichkeit führen jegliche bedrohliche Informationen, die sie hören, auch immer wieder zum Aufflammen der eigenen Angst und Unsicherheit.

Mein Tipp: Nehmen Sie gut wahr wie sie reagieren, machen Sie sich klar, dass einige Gefühle im Moment absolut menschlich und nachvollziehbar sind. Benennen Sie ihr Gefühl, sagen sie sich „ Es ist klar, dass ich Angst bekomme, wenn ich die steigenden Zahlen der Infizierten und Toten höre, weil sie mir verdeutlichen, dass es im Moment ungewiss ist, wie sich die Lage entwickelt und wie mich die Auswirkungen vielleicht treffen könnten.“ Diese Distanzierung, das Nichteinsteigen in den Katastrophenfilm, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sinnvolle Ratschläge funktionieren und nicht ins Gegenteil umschlagen. Die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken ist sinnvoll, Ablenkung mit dem Ziel, nur unangenehme Gefühle zu vermeiden, wird in den meisten Fällen keinen nachhaltigen Effekt zeigen.

Anke Frieling: Okay, den Zusammenhang zwischen Gedanken und Gefühlen sehe und verstehe ich. Aber ganz ehrlich: ich bin mir gar nicht sicher, ob mein Angstgefühl zuerst da ist oder ob ich vorher einen Gedanken hatte, der das Gefühl ausgelöst hat? Kann man das klar unterscheiden?

Ulrike Gertzen: Manchmal vielleicht, aber in vielen Fällen wohl eher nicht. Bei dem einen meldet sich vielleicht ganz spontan der Gedanke „was ist wenn ich mich infiziere?“ oder „was kommt da wirtschaftlich auf uns zu?“ und sofort auch ein Gefühl der Angst oder Unsicherheit. Bei dem anderen meldet sich vielleicht „ach ich werde da gut durchkommen“ in Verbindung mit wenig emotionaler Anspannung. Und viele von uns werden gerade gegenwärtig sicherlich von einem ständigen Gefühl der Anspannung begleitet, das mal stärker und mal schwächer ist.

An dieser Stelle gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass wir keinen Einfluss darauf haben, was sich automatisch meldet. Das bezieht sich einerseits auf unsere automatischen Gedanken aber auch auf plötzlich auftretende Gefühle. Manchmal haben wir auch den Eindruck, von einem Gefühl regelrecht überrollt zu werden, was wir im ersten Moment gar nicht einordnen können.

Jetzt kommt die gute Nachricht: Gelassenheit beginnt einen Schritt später, nämlich in dem Moment, wo wir wahrnehmen, was sich automatisch meldet und wo wir bewusst entscheiden können, wie wir damit umgehen. Wir müssen unsere eigene Gedanken- und Gefühlswelt besser kennenlernen, damit wir verhindern können in ungünstige Verhaltensmuster zu rutschen.

Anke Frieling: Habe ich das jetzt richtig verstanden. Wir alle haben ein „automatisches Innenleben automatische Gedanken, auf die wir keinen Einfluss haben und das bezieht sich aber auch auf unsere Gefühle. Auch die melden sich einfach. Das heißt in Bezug auf meine Angst: muss ich sie einfach hinnehmen, weil ich keinen Einfluss darauf habe?

Ulrike Gertzen: Teils, teils. Als erstes brauchen Sie ein Bewusstsein für ihr automatisches Innenleben. Dies können wir in Bezug auf unsere Gedanken üben, aber auch in Bezug auf plötzlich auftauchende emotionale Reaktionen. Das Wahrnehmen und Beschreiben der eigenen Reaktion ist Ausgangspunkt für Veränderung. Nur wenn Sie wahrnehmen, was gerade los ist, können Sie gezielt steuern, wie Sie mit ihren Gedanken und Gefühlen besser umgehen. Und genau diese Fertigkeit ist ein Kernbereich der Achtsamkeit.

Konkret bedeutet dies: ich muss erkennen „aha - jetzt habe ich gerade Angst“. Wenn ich weiß, warum prima, wenn nicht - fangen Sie bloß nicht an zu Grübeln, warum Sie sich gerade so fühlen wie Sie sich fühlen. Denn dies kann schnell zu Gedankenkarussellen führen, die unsere Stimmung zusätzlich verschlechtern.

Anke Frieling: Das klingt für mich logisch, ich muss wahrnehmen was gerade los ist, damit ich darauf reagieren kann. Fast ein bisschen, wie von außen auf sich selbst schauen, oder? Und wie sollte ich denn auf das Gefühl Angst reagieren?

Ulrike Gertzen: Um gut darauf reagieren zu können, ist eine bestimmte Haltung zu unseren Gefühlen günstig. Für einen besseren Umgang mit den eigenen Gedanken betonen wir gerne die losgelöste Achtsamkeit als eine Fertigkeit, die – emotionale - Distanzierung ermöglicht. Sie ermöglicht uns Gedanken als Gedanken wahrzunehmen. Ich übertrage diese Haltung, die damit verkörpert ist, jetzt lieber einmal konkret auf Gefühle.

In dem Moment, wo wir wahrnehmen „aha jetzt habe ich Angst“ ist dies der Schritt in Bezug auf eine Distanzierung. Wir können üben ein Beobachter unseres Innenlebens zu werden. Das Benennen führt dazu, dass wir die Chance haben unsere Reaktion zu steuern.

Wenn man sich mit dem Fahrrad verfahren hat, dann muss man auch einmal anhalten, sich orientieren, wo man ist und wieder Kurs aufnehmen. Genau das Anhalten ist übertragen auf unser Gefühlsleben das Benennen des Gefühls. Aber das Benennen hat noch eine Funktion. Ein Gefühl, genauso wie ein Gedanke ist ein inneres Ereignis, das bedeutet, ich habe die Fähigkeit ein Gefühl zu beobachten ohne, dass ich darauf reagieren muss. Nach dem Motto: Ich bin nicht mein Gefühl, ich habe ein Gefühl.

Anke Frieling: Können sie das ein bisschen erläutern, was sie damit meinen?

Ulrike Gertzen:

  1. Gefühle tauchen auf, egal ob wir sie haben wollen oder nicht. Das müssen wir akzeptieren.
  2. Sie geben uns Ratschläge oder Handlungsimpulse, aber wir müssen sie nicht befolgen.

Wie wir auf unsere Gedanken und Gefühle reagieren, das bestimmen wir selbst und darin sind wir völlig frei.

Diesen Freiraum haben wir aber nur, wenn wir nicht der Macht der Gewohnheit folgen. Denn wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir Denken- Fühlen- Handeln so wie wir es immer gemacht haben. Und Schwups landen wir in ungünstigen Prozessen, ohne es zu merken. Ich will Ihnen einige ungünstige Muster verdeutlichen, damit sie die Chance haben sich darin zu ertappen.

Wenn wir keinen innerlichen Abstand zu unseren Gefühlen haben, dann nehmen wir unser Gefühl für bare Münze. Das heißt, dass wir voll und ganz davon überzeugt sind, so, wie es mein Gefühl sagt, ist es auch. Das Gefühl mit seinem Handlungsdrang und den Gedanken, die damit einhergehen, steht voll im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Und jetzt passieren häufig zwei unterschiedliche Prozesse, die beide problematisch sein können. Ich gehe zunächst kurz auf Denkprozesse ein und dann auf unsere Aufmerksamkeit.

Gefühle sind häufig Auslöser für ungünstige Denkprozesse. Manchmal spüren wir etwas, so wie Angst und reagieren auf die Angst mit intensivem Nachdenken. Es gibt Denkprozesse, die die Gefühle noch verstärken z.B. das Sich- Sorgen machen. Wenn wir uns beispielsweise ausmalen, was alles passieren könnte, wenn ich jetzt einkaufen gehe und da viele Leute im Laden sind, die alle potentielle Virenträger sein könnten, dann ist es völlig klar, dass ich die Angst dadurch verstärke. Manchmal können auch Denkprozesse auftreten, dass wir anfangen uns zu verurteilen für das was wir fühlen, also z.B., dass wir sauer auf uns sind, dass wir jetzt nicht gelassener sein können, oder dass wir unsere Gefühle anzweifeln und uns vertiefen in Gedankenkarussellen wie, ob es jetzt normal ist so zu fühlen oder ob wir uns nicht irgendwie auch gerade anstellen. Ein Klassiker ist auch, dass wir uns vergleichen: nach dem Motto, „warum schaffen es andere besser mit der Situation umzugehen, warum bin ich immer so ängstlich usw“. Es gibt zahlreiche Denkmuster, die Gefühle verstärken können oder die dazu führen, dass wir erst Angst haben, dann wütend sind oder uns sogar schämen für die Angst. Wir verschlechtern damit definitiv unsere Stimmung.

Das Wahrnehmen der eigenen Reaktion ist Ausgangspunkt für Veränderung. Nur wenn Sie wahrnehmen, was gerade los ist, können Sie gezielt steuern, wie Sie mit ihren Gedanken und Gefühlen besser umgehen. Und genau diese Fertigkeit ist ein Kernbereich der Achtsamkeit.

Anke Frieling: Nehmen Sie es mir nicht übel aber ich bekomme immer einen kleinen Schauer, wenn ich das Wort Achtsamkeit höre, denn das klingt für mich sehr esoterisch.

Ulrike Gertzen: Das höre ich häufiger! Lassen Sie es mich etwas pragmatischer erklären und vielleicht nochmal Ansatzmöglichkeiten aus der Verhaltensperspektive darstellen.

Wir müssen akzeptieren, dass Angst und Unsicherheit Gefühle sind, die Auftreten, auch wenn wir sie gar nicht haben wollen. Wir können uns aber auch bewusst machen, dass wir Kontrolle über unser Verhalten haben. Lassen Sie uns unsere Verhaltensweisen noch einmal genauer anschauen.

Bei dem Gefühl Angst ist unser Bestreben groß, wieder Sicherheit herzustellen und wie wir das machen, ist individuell ganz unterschiedlich. D.h. wenn wir Angst haben, dann kann dieses Gefühl mit unterschiedlichen Handlungsimpulsen einhergehen, die meist alle das Ziel verfolgen, sich sicher zu fühlen. Einige machen Hamsterkäufe, andere machen sich intensiv Gedanken über die möglichen Folgen, andere verleugnen und bagatellisieren und wieder andere beschäftigen sich intensiv mit Zahlen und Fakten.

Mein Tipp: Nehmen Sie wahr, welchen Handlungsimpuls Sie haben, wenn in Ihnen die Angst aufsteigt. Überprüfen Sie, ob das was sie tun wollen, auch langfristig wirklich sinnvoll ist. Häufig schleichen sich Verhaltensweisen ein, die uns kurzfristig das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle geben, aber langfristig nichts bringen oder sogar kontraproduktiv sind.

Anke Frieling: Was sollte ich denn jetzt aus ihrer Sicht konkret tun?

Ulrike Gertzen: Auf diese Frage habe ich gewartet. Am liebsten hätte jeder von uns eine genaue Anleitung von Do´s and Dont´s in Zeiten der Krise. Auch dieser Wunsch nach einer genauen Anleitung, was jetzt richtig und was falsch ist, ist total nachvollziehbar, da es uns das Gefühl der Sicherheit gibt. Die ehrliche Antwort auf die Frage ist: es gibt keine eindeutige Antwort, die für jeden gilt! Ich kann Ihnen sagen, was die Fallstricke unseres Denkens und Handelns sein könnten, aber Sie müssen selbst entscheiden, ob es für Sie jetzt sinnvoll ist einen Spaziergang zu machen oder den Tag isoliert auf dem Balkon zu verbringen. Wahrscheinlich finden Sie diese Antwort unbefriedigend, denn sie spiegelt die Tatsache wider, dass wir mit Unsicherheit viele tägliche Entscheidungen treffen müssen.

Mein Tipp: Wenn Sie sich dafür entscheiden, dass sie rausgehen wollen, dann denken sie währenddessen nicht ständig darüber nach, ob das jetzt eine gute Entscheidung war, lenken sie ihre Aufmerksamkeit auf das was, sie aktuell tun und nehmen sie dies mit all ihren Sinnen wahr. Denn sonst hat sowohl das auf dem Balkon sitzen, als auch der Spaziergang keine Chance, ihre Stimmung zu verbessern.

Wir alle stehen aktuell vor der Herausforderung, einen individuellen Umgang mit der Krise zu finden und das bedeutet viele Entscheidungen zu treffen, bei denen wir uns eben nicht sicher sind, was jetzt gut oder nicht so gut ist. Austausch mit anderen kann uns Sicherheit geben, gleichzeitig kann sie auch verunsichern. Für den einen ist es ein guter Start in den Tag, im Schlafanzug an den Schreibtisch zu gehen, für den anderen könnte es hilfreich sein, die Routinen mit Aufstehen, Waschen, Anziehen einzuhalten.

Mein Tipp: Probieren Sie aus, was für Sie jetzt hilfreich sein kann und finden Sie individuelle Lösungen. Denken Sie daran, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, d.h. geben Sie sich etwas Zeit, um ihren Alltag anzupassen. Für unsere generelle Gesundheit ist es vorteilhaft, wenn wir regelmäßige Mahlzeiten haben, auch das bewusste Trennen von Arbeits- und Pausenzeiten könnte sinnvoll sein. Wie wir unsere Pausen und Freizeit gestalten, ist wieder sehr individuell unterschiedlich, generell tut uns Bewegung gut.

Anke Frieling: Ja das ist sehr gut, dass sie das sagen! Ich höre ständig Tipps, was ich jetzt alles beachten sollte, manchmal komme ich dadurch ins Zweifeln, ob es richtig ist wie ich meinen Tag gestalte und bin wieder verunsichert.

Ulrike Gertzen: Wir sind alle individuell unterschiedlich und das ist auch gut so. Fokussieren Sie das, was sie aktuell kontrollieren können und das ist ihre persönliche Tagesgestaltung. Niemand kann ihnen ein Standardrezept für Gelassenheit geben.

Ich möchte sie auf ein weiteres Phänomen aufmerksam machen, das sich schnell einschleichen kann, wenn wir unseren Tag neugestalten, denn es ist völlig normal, dass unser Kopf dann gleich viele Ideen hat. Allerdings hat unser Kopf diese Erfahrungen gespeichert aus Zeiten ohne Corona. Fitnessstudio, Freunde treffen, in der Stadt bummeln, Spazierengehen, Theater, Kino besuchen usw. Am Ende Fazit „Na toll, das ist jetzt alles verboten“. Dies könnte ein wunderbarer Einstieg in ein Gedankenkarussell sein, dass sich darum dreht, was im Moment alles nicht mehr möglich ist, worauf wir verzichten müssen. Viele von uns haben sich auf bestimmte Events gefreut, die jetzt abgesagt werden mussten. Die Enttäuschung und Traurigkeit verspüren, weil sie Reisen nicht durchführen können oder das Osterfest ohne Familie, allein in ihrer Wohnung verbringen müssen. Die ganze Planung, die man aufgestellt hat, wurde durch den Corona-Virus über den Haufen geworfen. Dies kann zu viel Verdruss und Traurigkeit führen, besonders, wenn man sich gedanklich ausmalt, wie schön das Frühjahr 2020 ohne Corona hätte werden können.

Auch bei diesen Gefühlen gilt:

Regel Nummer 1: Es ist normal, dass wir unangenehme Gefühle haben.

Regel Nummer 2: Unangenehme Gefühle, wollen wir nicht haben und daher sind wir bemüht, sie möglichst schnell zu reduzieren. Doch Vorsicht! Genau an dieser Stelle lauert die Falle, denn viele Verhaltensweisen, die wir einsetzen, damit die Angst oder eben die Traurigkeit weggehen, verstärken unser Unwohlsein. Daher ist es wichtig unseren emotionalen Zustand erstmal so zu hinzunehmen, wie er ist. Dazu gehört:

  1. Wahrnehmen: Wie fühle ich mich gerade?
  2. Gefühl direkt benennen: Ich bin traurig
  3. Sich verdeutlichen, warum es gerade völlig angemessen ist, dass man sich so fühlt: Ich bin traurig, weil ich daran denke, was ich alles ohne Corona hätte tun könnte.
  4. Handlungsimpuls wahrnehmen: ich denke darüber nach, was alles nicht geht und sitze auf meinem Sofa.

Ich möchte Sie an dieser Stelle ganz deutlich auf einen Denkprozess aufmerksam machen, der die Traurigkeit und Enttäuschung verstärkt: Manchmal geraten wir, ohne dass wir es merken in diese „es hätte alles so schön sein können“-Gedanken hinein. Das Problem dabei ist, dass wir im Kopf eine Idealvorstellung simulieren, und wenn wir diese besonders ausschmücken und uns bildlich vorstellen, intensivieren wir unsere Gefühle! und umso frustrierender ist der Vergleich mit der Wirklichkeit! Wir kreisen schnell in all den Möglichkeiten, die es gegeben hätte, die aktuell jedoch gar nicht zur Debatte stehen. Dies führt zu Traurigkeit und Überdruss, was uns wiederum Kraft rauben kann, uns anzupassen. Wir blockieren durch dieses Gedankenkarussell unseren inneren Arbeitsspeicher und nehmen uns die Chance kreative Lösungen für unseren jetzigen Alltag zu finden.

Mein Tipp: beobachten sie kurz ihre Gedanken und Gefühle. Nehmen Sie ruhig ihre persönliche Traurigkeit und Enttäuschung wahr, tappen Sie jedoch nicht in die Falle, dass sie diesen Zustand durch eine ausgedehnte Beschäftigung damit verstärken. Danach können sie sich in der Regel leichter den Dingen widmen, die sie jetzt für richtig und wichtig halten. Der Switch gelingt leichter, wenn man in der Lage ist, die eigenen Gefühle mit Distanz wahrzunehmen. Gefühle gezielt oder ungeduldig verdrängen oder wegmachen zu wollen, wird meist nicht funktionieren.

Anke Frieling: Immer wieder lese ich, dass wir in solchen Situationen das Positive sehen sollen. Also zu sagen: das Glas ist halb voll statt halbleer. Was halten Sie davon? Wie könnte das im Falle von Corona aussehen?

Ulrike Gertzen: Tipps zum Positiven Denken finde ich persönlich schwierig, denn manchmal sind wir traurig und das einzige, was wir dann tun können, ist die Traurigkeit nicht noch mehr zu verstärken. Eine hilfreiche Frage in diesen Situationen könnte folgende sein: „Würde ich das, was ich gedanklich gerade tue, auch meiner besten Freundin raten? Wenn Sie sich dann ertappen, dass Ihr Denkapparat auf Abwege gelangt ist, dann widmen Sie sich lieber der Frage: „Was könnte ich unter den aktuellen Bedingungen sinnvolles tun?“ Die Frage geht in Richtung eigener Werte oder Wünsche: Was ist mir wichtig? Was würde mir Freude machen? Und welche Schritte könnte ich unternehmen, um danach zu leben? Ein kleines Beispiel: Wenn mir Familie wichtig ist, dann könnte ich überlegen, wie ich trotz Isolierung von den Großeltern die Verbindung und Nähe herstellen kann. Z.B. kann ich telefonieren, meinen Angehörigen erklären wie sie Skype oder Face time nutzen können usw.. Auf diese kreativen Lösungen können wir nur kommen und sie auch annehmen, wenn wir aufhören, die Traurigkeit durch kreisende Gedanken zu verstärken. Die Fähigkeit zur Distanzierung ist Voraussetzung für den Perspektivwechsel. Einige können das sehr schnell und automatsch, vielen fällt es aber schwer und sie müssen sich dann aktiv darum bemühen. Humor ist übrigens ein sehr gutes Beispiel für diese wertvolle Fähigkeit zur Distanzierung.

Mein Tipp: Nutzen Sie die Fähigkeit, über etwas nachzudenken sinnvoll, denn sie verbraucht Energie. Das Nachdenken sollte sich für uns immer lohnen und nicht das eigene Leid, das manchmal unumgänglich ist, verstärken.

Das gleiche gilt übrigens auch für Ärger. Auch dies kann sich in einem Denkprozess äußern - dem Hadern oder Sich- Ärgern, der uns blockieren kann - und uns in einer misslichen Situation verharren lässt. Wir blockieren uns dadurch und können nicht kreativ werden, um gute Lösungen zu finden.

Anke Frieling: Schön, dass sie das ansprechen. Mir fällt auf, dass es unheimlich viele Menschen gibt, die sich über das unsolidarische Verhalten der anderen Menschen ärgern. Ein Journalist schrieb dazu „er werde weiß vor Ärger“ – das zeigt, wie stark die Emotionen aufkochen! Wenn ich sie bisher richtig verstanden habe, gehört Ärger genau wie Traurigkeit und Angst zu einem normalen Gefühl. Was kann ich denn tun, damit ich nicht innerlich anfange zu kochen?

Ulrike Gertzen: Im Moment gibt es unzählige Situationen, in denen Sie und ich mit Einschränkungen konfrontiert werden oder mit Tatsachen, die wir nicht beeinflussen können. Viele Ereignisse liegen außerhalb unserer Kontrolle. Das können beispielsweise Anweisungen der Regierung sein, Auflagen durch den Arbeitgeber oder auch das Verhalten anderer Menschen. Es gibt unzählige Auslöser für Gedanken wie „Das können die doch nicht machen!“, „Niemand darf entscheiden, ob ich in den Urlaub fahre oder nicht!“, „Das ist ganz allein meine Sache!“ Ich habe auf jeden Fall ein Recht auf meine Freiheit!“. Je mehr aus diesen einzelnen Gedanken Ketten von langen Ärger-Gedanken werden, desto intensiver ist auch hier der Einfluss auf das Gefühlsleben: Missmutigkeit, Zorn und Frustration nehmen ebenso zu wie die entsprechenden Begleitsymptome wie bspw. körperliche Anspannung, erhöhte Reizbarkeit und jeder kennt das Phänomen „zur falschen Zeit am falschen Ort“ und - schwupps - lassen wir unseren Ärger an jemandem ab, der gar nichts damit zu tun hat. Auch nicht gerade hilfreich! Ich merke ich wiederhole mich, aber es ist genau wie bei den anderen Gefühlen.

  1. Wahrnehmen: Wie fühle ich mich gerade?
  2. Gefühl direkt benennen: Ich bin ärgerlich
  3. Sich verdeutlichen, warum es gerade völlig angemessen ist, das man sich so fühlt: Ich bin ärgerlich, weil ich daran denke, wie sich die Leute aus meiner Sicht fahrlässig verhalten.
  4. Handlungsimpuls wahrnehmen: ich rege mich auf und habe das Bedürfnis über die Situation zu schimpfen.

Dann folgt das Überprüfen: Soll ich danach handeln und mich aufregen oder tappe ich gerade in ein ungünstiges Verhalten. Wenn Sie sich dabei erwischen, dass Sie durch ihr Nachdenken das Gefühl verstärken, dann fokussieren Sie das, was sie beeinflussen können. Sie haben keinen Einfluss darauf, wie andere Menschen mit der Krise umgehen, aber Sie haben Einfluss darauf, wie Sie mit Ihren Gedanken umgehen - Ärgern bringt auch nichts.

Die Entfaltung Ihrer eigenen Kreativität zur Lösung aktueller Probleme gelingt nur, wenn sie aufhören, sich über bestehende Verhältnisse zu ärgern.

Anke Frieling: Frau Gertzen, vielen Dank für das interessante Gespräche und Ihre zahlreichen Tipps! Wenn mir das eine oder andere ab und zu gelingt, wäre schon viel gewonnen!

Ulrike Gertzen: Auch ich danke Ihnen für das Gespräch und möchte noch darauf hinweisen, dass Sie die Tipps auf der Website von addisca nachlesen können.

Dieser Internetauftritt setzt Cookies ein. Einige von ihnen sind essentiell und werden als Session-Cookies für die Bedienung dieses Webangebotes gesetzt. Andere dienen der anonymisierten Besucherauswertung und Optimierung des Angebotes. Mit Klick auf 'Cookies akzeptieren' erklären Sie sich einverstanden, dass weitere Cookies in Ihrem Browser hinterlegt werden. Bitte beachten Sie auch unser Impressum und die Datenschutzerklärung.